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Die innere Wahrnehmung wecken. Einige Methoden und Meditationsobjekte
(Awakening the Inner Sense - Some Methods and Meditation Objects)

Von Floco Tausin

Das was wir als unseren Wochentag kennen ist eine Flut von verschiedensten Informationen, die wir mit unseren fünf Sinnen aufnehmen und aus denen wir im Gehirn ein vollständiges Bild zusammensetzen. Die Sinnesorgane sind die Tore unseres Körpers - sie verbinden die Außenwelt mit der inneren Welt und bestimmen, abhängig von unserem Bewusstseinszustand, wie wir diese Welt erleben.

Aber besteht die menschliche Sinnestätigkeit aus mehr als Berührung, Sehen, Hören, Riechen und Schmecken? Ja, nach Ansicht vieler Kulturen und Religionen, wo wir die Vorstellung von einem inneren Sinn finden. Dieser Sinn wird verstanden als eine Art der Wahrnehmung, die direkt und intuitiv Einblick in das Wesen oder die wahre Natur des wahrgenommenen Objekts gibt. Oft wird dieser subtile oder innere Sinn mit dem Auge verbunden, als ein weit verbreitetes Symbol des Lichtes, der Erkenntnis und Wahrheit. Es wird dann als "inneres Auge", "drittes Auge" oder "Auge des Herzens" bezeichnet, letzteres häufig unter den Mystikern, die das göttliche Licht erfahren haben. In der indischen Mythologie wird dieses innere Gefühl beispielsweise als das vordere Auge des Gottes Shiva bezeichnet, welches ihm vereinigende Sicht gewährt. Daher versuchen tantrische Yogis, dieses dritte Auge durch die Aktivierung des "Ajna Chakra", welches zwischen den Augenbrauen liegt, zu öffnen. Ähnlich dazu erlangte der Buddha Siddhartha Gautama Erleuchtung durch ein "himmlisches Auge" (prajnacaksus), welches ihm die Kräfte der Existenz und ihre Manifestationen in der Kette der Kausalität verstehen ließ. Die griechischen Philosophen sprachen von einem geistigen Auge, das geöffnet und gereinigt werden muß, um die Wahrheit zu sehen. Während das Alte Testament die Propheten "Seher" nennt und sich auf ein Allsehendes Auge oder "Auge der Vorsehung" bezieht, dass sich denen zuwendet, die gottesfürchtig sind und ihnen überlegene Einsichten oder Stärke verleiht, nimmt das Neue Testament die Vorstellung der griechischen Philosophen von einem "Auge der Seele oder des Herzens" auf: das Auge wird zum Gegenstand der Reinheit (Matthäus 6,22) und das Auge des Herzens muß geöffnet werden, um Gott zu sehen (Apg 9,18). Im Laufe der Jahrhunderte berichteten sowohl Wüstenväter, Gnostiker als auch Mystiker gleichermaßen von Erfahrungen des inneren Sinnes als inneres Auge oder Auge des Herzens oder der Seele. Seit der frühen Neuzeit versuchen an der Vereinheitlichung der wissenschaftlichen und spirituellen Traditionen interessierte westliche Esoteriker und Wissenschaftler eine physiologische Entsprechung dieses inneren Sinns zu finden. In den letzten Jahren wurde der innere Sinn zum Beispiel mit der Zirbeldrüse verbunden, aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Lichtempfindlichkeit dieser Drüse.

 

Das Auge der Vorsehung im
Aachener Dom, Deutschland.
  Das Verhältnis zwischen Wahrnehmung,
Seele und Zirbeldrüse nach Renй Descartes
(1596-1650).
 

 

Meditation für die Entwicklung des inneren Sinns

Die Entwicklung unseres inneren Sinns ist also ein Weg, um unser spirituelles Leben zu verbessern. Tatsächlich tun dies viele von uns bereits, mehr oder weniger bewußt. Viele von uns haben zum Beispiel während der Meditation subjektive visuelle Erscheinungen, ekstatische Gefühle oder intuitive Einsichten - erste Teile eines erwachenden inneren Sinns. Falls wir aber diesen inneren Sinn zu seiner vollen Blüte entwickeln wollen, sind Jahre und Jahrzehnte der ständigen Übung notwendig. In jedem Fall wird für das Wecken des inneren Sinns eine Meditationsmethode ausgesucht, die direkt mit dem inneren Sinn oder mit seinen Objekten und Funktionen arbeitet. Generell kann die Meditation sich auf materielle Objekte konzentrieren, welche den inneren Sinn stimulieren, oder auf subtile Objekte, die als Objekte dieses inneren Sinns aufgefaßt werden können.

 

Materielle Meditationsobjekte

Materielle Meditationsobjekte werden mit den Augen wahrgenommen, nicht durch den inneren Sinn, aber sie können die Konzentration auf den inneren Sinn fördern und zu subtilen Erscheinungen führen. Meditation mit materiellen Objekten sollte den inneren Sinn bzw. das dritte Auge in seiner Funktion unterstützen, zwischen den beiden Hemisphären des Gehirns oder Bewusstseins zu vermitteln. Es sollte uns unsere rechte, intuitiv-emotionale Seite sowie unsere linke, analytisch-rationale Seite bewusst mache, und die beiden dabei in Harmonie miteinander bringen. Als am wirkungsvollsten erwiesen haben sich hier Techniken des Schielens, die sowohl in westlichen als auch östlichen Traditionen entwickelt wurden. Hier müssen jedoch zwei verschiedene Arten des Schielens unterschieden werden: Das Loslassen der Augen (Parallel-Sehen) bei dem der Konzentrationspunkt hinter das Betrachtungsobjekt verschoben wird, und dem Leiten der Konzentration in die Augen hinein (Überkreuz-Sehen), wobei der Konzentrationspunkt vor das Betrachtungsobjekt verschoben wird, in Richtung des Beobachters. Um diese zwei Arten zu unterscheiden, nennen wir den zweiten Typ "verdoppeln". Die Verdoppelung ist der ideal für die Meditation geeignete Typ des Schielens.

Die einfachste Verdoppelungs-Übung ist den Blick auf die Nasenwurzel zu lenken, nach Art der indischen Yogis. Allerdings kann eine Verdoppelung auch auf entfernte materielle Objekte angewendet werden. Der Anthropologe und Schriftsteller Carlos Castaneda erwähnt zum Beispiel eine Sehtechnik des "starren Blicks", die zuerst den Blick auf ein Objekt fokussiert, ähnlich wie bei der yogischen Reinigungsübung des "Trataka". Manchmal wird es aber auch mit Schielen kombiniert, bei dem der Anwender die beiden Bilder auseinander bewegt, und damit zwei gleich geformte Objekte überlagert. Die Konzentration auf dieses überlagerte Objekt synchronisiert die beiden Hemisphären des Bewusstseins, und erzeugt bei regelmäßiger Praxis eine Tiefenwahrnehmung, die den Anwender in andere Sphären des Bewusstseins führt.

Ein weiteres Beispiel für diese Form der Meditation ist die Meditation über die "Tafeln von Chartres". Die Tafeln sind drei legendäre geometrische Figuren gleicher Fläche, aus rot und blau gefärbten Metallteilen, die als Rechteck, Quadrat und Kreis geformt sind. Sie werden vor einem in zwei Reihen abwechselnder Farbe und Form hingelegt, und verdoppelt, bis sich eine überlagerte dritte Gruppe von Tafeln in der Mitte erscheint. Das Wissen um diese alte Art Meditation wurde von Zigeunern beibehalten und weitergegeben, und vom französischen Autor Pierre Derlon zum ersten Mal veröffentlicht.

Die Tafeln von Chartres.
 

 

Die subtilen Objekte: Subjektive visuelle Phänomene

Subtile Meditationsobjekte können Gefühle oder Gedanken sein. Für die Entwicklung der inneren Sinne sind jedoch diejenigen Objekte besonders gut geeignet, die durch die Verschmelzung des inneren Sinns und des visuellen Sinns erscheinen. Ich beziehe mich auf die subjektiven visuellen Phänomene, die in der Augenheilkunde als "entoptische Phänomene" bekannt sind. Entoptics sind Erscheinungen, die für den Betrachter als außerhalb von ihm gesehen werden, die jedoch physiologisch erklärt, durch das visuelle System des Betrachters erzeugt werden. Die folgenden entoptischen Phänomene sind geeignete Objekte der Meditation für die meisten Menschen:

Nachbilder: gegensätzliche farbliche Nachbilder können erklärt werden als die Fortsetzung der Wirkung eines visuellen Reizes, wenn dieser Reiz bereits vergangen ist. Zum Beispiel erzeugt ein kurzer Blick in die Sonne das farbige Nachbild der Sonne in unserem Gesichtsfeld.

Meditation über Nachbilder beinhaltet die Erzeugung dieser Bilder durch einen kurzen Blick in eine Lichtquelle, z. B. eine Glühbirne oder eine Kerze. Wir beobachten diese farbigen leuchtenden Punkte vor einem dunklen Hintergrund oder mit geschlossenen Augen, bis sie ihre Intensität verlieren. Wieder erzeugen wir ein weiteres Nachbild und beobachten es, bis es verblasst und so weiter. Während wir das Nachbild betrachten, bewegen wir es aktiv mit unserer Sicht und beobachten seine Veränderung der Form und Intensität. Wir studieren seine Eigenbewegung und den Einfluss unserer Augenbewegungen auf seine Leuchtkraft.

Phosphen: Phosphen sind farbige Flecken und Unschärfen im Dunklen, die oft mit geschlossenen Augen gesehen werden. Sie werden als Entladung der visuellen Neuronen erklärt. Meditation über Phosphäne funktioniert ähnlich wie eine Meditation über die Nachbilder. Allerdings ist es schwieriger, weil es ohne die stimulierende Wirkung einer externen Lichtquelle erfolgt. Wir schließen die Augen und beobachten wie die farbigen Flecken in der Dunkelheit Gestalt annehmen. Sie neigen dazu, aus unserem Bewusstsein verschwinden, und müssen daher wieder und wieder durch Neuausrichtung unserer Aufmerksamkeit bewusst gemacht werden. Ein ausgefeiltes System der Bewusstseinsentwicklung mit Schwerpunkt auf Nachbilder und Phosphäne wurde vom französischen Wissenschaftler und Erfinder Dr. Francis Lefebure erstellt; die Übungen seines "Phosphenismus" verbinden visuelle Konzentration auf Nachbilder mit (Neuro-)physiologischer Rhythmik.

Fliegende Mücken (Mouches volantes): Mouches Volantes sind verstreute halbtransparente Punkte und Fäden die in hellen Lichtverhältnissen in unserem Sichtfeld erscheinen und den Bewegungen der Augen folgen. In der Augenheilkunde werden sie als eine normale Trübheit des Glaskörpers bei zunehmendem Alter betrachtet. Bei der Meditation auf Mouches volantes bringen wir diese Objekte in unser Blickfeld und beobachten sie bewusst. Wir erkunden sie, lernen ihre Formen, Konstellationen und Bewegungen kennen. Wir bemerken, dass sie ständig wegtreiben, vor allem nach unten, und versuchen sie weiter im Blickfeld zu behalten. Weiter fortgeschrittene Meditierende von Mouches volantes beginnen Veränderungen in der Bewegung, Größe und Helligkeit zu sehen. Die Lehre meines Mentors, Seher Nestor, bietet umfassende Sicht- und Ekstase-Techniken, um mit Mouches volantes zu arbeiten, sowie eine spirituelle Interpretation dieser Punkte und Fäden.

Mouches volantes: Mobile durchsichtige
Punkte und Fäden im Sichtfeld.
 

Blaufeld-Entoptik: dieser formelle Begriff bezieht sich auf die "fliegenden Blutkörperchen" oder "Lichtpunkte", kleine leuchtende Kugeln die sich schnell entlang gewundener Pfade bewegen. Am besten kann es im blauen Himmel gesehen werden (deswegen der Name), kann aber in Situationen extremer körperlicher Herausforderungen wie Schock oder Ohnmacht sehr stark werden. Aus medizinischer Sicht hängt es mit dem Fluss weißer Blutkörperchen in den Kapillaren der Netzhaut zusammen.

Im Gegensatz zu anderen Entoptiken können die leuchtenden Punkte nicht direkt mit den Augen fixiert werden, sondern nur im peripheren Sichtfeld gesehen werden. Die Betrachtung heller Flecken verbessert also unsere Aufmerksamkeit im gesamten Gesichtsfeld, entgegen der Fähigkeit sich auf bestimmte Objekte zu konzentrieren.

Dr. Wilhelm Reich, der österreichisch-amerikanische Psychiater und Begründer der Orgon Theorie, erklärte die Blaufeld-Entoptik als eine Art von Orgon-Strahlung. Spiritueller orientierte Anhänger Reichs schlagen vor, sich auf diese immateriellen leuchtenden Punkte zu konzentrieren, um den inneren Dialog zu beruhigen und inneren Frieden finden.

Durch den bewussten Blick auf entoptischen Phänomene wie die oben erwähnten, ziehen wir unsere fünf Sinne von materiellen Sinnesobjekten zurück und kanalisieren die normalerweise für ihr Funktionieren benötigte Energie. So erwecken wir den inneren Sinn, was uns wiederum dabei helfen wird die höhere Bedeutung dieser Punkte, Flecken und Fäden sowie ihre Beziehung zu uns sofort und mit großer Intensität zu erkennen und fühlen. Wir verstehen dann intuitiv, warum Entoptiken von Menschen aller Zeiten betrachtet wurden, oft mit religiösen Bedeutungen versehen und als Konzentrationsobjekte verwendet.


Über den Autor

Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor hat an der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Bern, Schweiz studiert. Er beschäftigt sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung der subjektiven visuellen Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und der Entwicklung des Bewusstseins als solches. Im Jahr 2009 veröffentlichte er die mystische Geschichte "Mouches Volantes" über die spirituelle Dimension der Mouches volantes.





Spirit of Maat Artikel von Floco Tausin auf Deutsch:

Juni 2009: "Mouches Volantes - Leuchtstrukturen des Bewusstseins"

Oktober 2009: Die innere Wahrnehmung wecken. Einige Methoden und Meditationsobjekte

 

Literatur:

Bуkkon, Istvбn: Phosphene phenomenon: A new concept, in: BioSystems 92 (2008): 168-174

Chen, Spencer C. u.a.: Simulating prosthetic vision: I. Visual models of phosphenes, in: Vision Research, vol. 49, nr. 12, Juni 2009, S. 1493-1506

Castaneda, Carlos: Reise nach Ixtlan, 1972

Castaneda, Carlos: Der zweite Ring der Kraft, 1977

Derlon, Pierre: Die Gärten der Einweihung. Sphinx Verlag, Basel 1978

Lewis-Williams, JD / Dowson, TA: The Signs of All Times, in: Current Anthropology, vol. 29, nr. 2, April 1988

Mengkorn, Michel: Eye, in: Eliade, Mircea (Hg.): The Encyclopaedia of Religion (2. Aufl.), 2005, S. 2.939-2.941

Pennington, George: Die Tafeln von Chartres. Die gnostische Schau des Westens, Patmos 2002

Sinclair, SH, M. Azar-Cavanaugh, Soper KA, RF Tuma, und HN Mayrovitz. "Investigation of the source of the blue field entoptic phenomenon." Investigative Ophthalmology and Visual Science, 4 (1989): 668-673.

Tausin, Floco: Mouches Volantes. Die Leuchtstruktur des Bewusstseins, Bern: Leuchtstruktur Verlag 2009

Tausin, Floco: Kokons und Fasern - Leuchtkugeln und Leuchtfäden. Mouches volantes als Inspirationsquelle für Carlos Castaneda?, in: AHA Magazin 5 / 2006

Trick, Gary L.; Kronenberg, Alaina: Entoptic Imagery and Afterimages, in: Tasman, William; Jaeger, Edward A. Ed.): Duane's Ophthalmology, Philadelphia: Lippincott Williams & Wilkins, 2007 [elektronische Ausgabe]

 

Der innere Sinn - inneres Auge

http://en.wikipedia.org/wiki/Third_eye (7/31/09)

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Drittes Auge und Zirbeldrüse

http://www.crystalinks.com/thirdeyepineal.html (7/31/09)

http://www.ipn.at/ipn.asp?ALH (7/31/09)

 

Der innere Sinn oder offenes Auge Meditation

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http://home.arcor.de/ralflehnert/id53.htm (7/31/09)

http://de.wikipedia.org/wiki/Trataka (7/31/09)

http://zensplitter.de/Texte/Tsung-tse/tsung-tse.html (7/31/09)

 

Zwei Arten von Schielen: Überkreuz- und Parallelsehen

http://www.triplespark.net/render/stereo/pview.html (7/31/09)

http://www.vision3d.com/3views.html (7/31/09)

 

Nachbilder

http://en.wikipedia.org/wiki/Afterimage (8/20/09)

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Phosphäne

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Mouches volantes

http://de.wikipedia.org/wiki/Mouches_volantes (8/20/09)

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Blaufeld-Entoptik

http://en.wikipedia.org/wiki/Blue_field_entoptic_phenomenon (8/20/09)

http://www.migraine-aura.org/content/e27891/e27265/e42285/e42442/e54887/index_en.html (8/20/09)

http://www.orgon.de/kreiselwellen.htm (8/20/09)